Algérie, H. Kerdellant

Von der Kolonialvergangenheit in Algerien zur brutalen Repatriierung der Erinnerungen in Frankreich

02. Juni 2022
19:00 - 21:00

Veranstaltungs-Infos

Ein Vortrag von dem Dozent Hubert Kerdellant.

Die koloniale Vergangenheit hat sich in den Präsidentschaftswahlkampf eingeschlichen. Wie hätte es auch anders sein können, wenn zwei Kandidaten der extremen Rechten antreten, die beide in der Vergangenheit die Entkolonialisierung Algeriens verurteilt haben. Wenn die Erinnerungen an den Algerienkrieg bis heute nicht befriedet sind und in den Köpfen und Herzen der Menschen weiterwirken, liegt das daran, dass dieser Krieg nicht ausreichend benannt und in einem kollektiven Gedächtnis angeprangert wurde.

In Frankreich wurde durch die Leugnung der historischen Fakten und das anschließende Vergessen, das unter anderem durch Amnestiegesetze gefördert wurde, ein Gedächtnis der Rache aufgebaut, während auf der anderen Seite des Mittelmeers zwar einige Fortschritte zu verzeichnen waren, insbesondere bei den Treffen zwischen Chirac und Bouteflika und der Unterzeichnung eines Freundschaftsvertrags zwischen den beiden Ländern im Jahr 2003, aber das Thema der Erinnerungen heute nicht mehr aktuell ist.

Um aus diesem Archipel der heute vergemeinschafteten Erinnerungen herauszukommen, beauftragte Präsident Macron den Historiker Benjamin Stora mit einem Bericht in Form einer Untersuchung, der eine Reihe von Vorschlägen folgten. Möge der neue Blick der jungen Menschen mit algerischem Migrationshintergrund und der Blick der algerischen Jugend mit einem freien und zivilen Geist sich der historischen Arbeit zuwenden, um diesen entflammten Erinnerungen ein Ende zu setzen.

Der Vortrag wird in französischer Sprache gehalten.

Hubert Kerdellant ist seit mehreren Jahren Dozent am IF sowie Lehrbeauftragter an der Universität Bremen im Fach Romanistik. Nach seinem Jurastudium arbeitete er im öffentlichen Dienst. In dieser kleinen Welt der Leichtathletik lernte er in den 70er Jahren Athleten aus dem Maghreb und insbesondere aus Algerien kennen, mit denen er sich anfreundete. Einige Jahre später, Ende der 1980er Jahre, begann er eine Karriere als Trainer in Deutschland. Sehr bald wurde er vom marokkanischen und algerischen Leichtathletikverband kontaktiert, die ihn um Hilfe beim Coaching junger Talente aus ihren jeweiligen Ländern baten. Diese Zusammenarbeit dauerte bis zum 11. September 2001, dem Tag des Anschlags auf das World Trade Center.
Von diesem Tag an wurde jeder Person aus Nordafrika ein Visum für die Einreise nach Europa verweigert. Schweren Herzens musste er sich damit abfinden, den Kontakt zu den Athleten, die zu Freunden geworden waren, abzubrechen. Diese schmerzhafte Trennung hätte in Vergessenheit geraten können, doch stattdessen wuchs in ihm die Leidenschaft für die Geschichte des Maghreb, sein Wunsch, diese Region der Welt besser kennenzulernen und insbesondere das algerische Volk zu entdecken.
In Frankreich und hier hat er mehr als hundert Bücher, die ihn zu einer Reise, einer Überfahrt einladen. Sie erinnern ihn an die schönen Momente, die er mit seinen Freunden verbracht hat, die auf der anderen Seite des Mittelmeers leben, in Algier, Setif, Zagora im Hohen Atlas oder in Kanada. Diese Freunde hat er im Laufe der Zeit aus den Augen verloren. Jetzt sind es die Bücher, die ihm Gesellschaft leisten. Sie sind treu, diskret, ergreifend und geheimnisvoll wie einst seine guten Freunde.

02. Juni 2022
19:00 - 21:00

Eintritt: frei

Institut français Bremen
Contrescarpe 19
28203 Bremen