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Rue Saint-Maur 209. Ein Pariser Wohnhaus und seine Geschichten: Buchpräsentation mit Ruth Zylberman und Ela zum Winkel
11. Mai 2026
19:30 - 20:45
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„Was ist hinter der Tapete“, fragte Georges Perec in seinem Buch über das Infra-Gewöhnliche. Die gleiche Frage stellte sich auch Ruth Zylberman, als sie in ihrem vielfach prämierten Dokumentarfilm Les enfants du 209 rue Saint-Maur, Paris Xe (2018) den Mikrokosmos eines Pariser Mietshauses unter der deutschen Besatzung rekonstruierte. Zwei Jahre später setzte sie ihre Spurensuche in dem Buch 209 rue Saint-Maur, Paris Xe. Autobiographie d’un immeuble fort. In Frankfurt spricht sie mit der Übersetzerin Ela zum Winkel im Rahmen einer zweisprachigen Lesung und Diskussion über das Buch, das 2025 auch auf Deutsch erschienen ist.
Ruth Zylberman war auf der Suche nach einem Haus, das sie Schicht um Schicht und von oben bis unten erkunden würde – es war der Zufall, der sie bei einem ihrer Streifzüge durch die Stadt in die Rue Saint-Maur vor das Haus mit der Nummer 209 führte. Später erfuhr sie, dass vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges rund dreihundert Menschen dort lebten, oft Einwanderer aus Ost- und Südeuropa, etwa einhundert von ihnen Juden, von denen viele aus Rumänien, Polen und aus Deutschland nach Frankreich geflohen waren. 52 der jüdischen Bewohner wurden zwischen 1941 und 1944 deportiert, unter ihnen neun Kinder. Mit den Namen dieser neun Kinder begann eine lange Suche: Mit detektivischer Akribie studierte Ruth Zylberman Volkszählungen, wälzte Telefonbücher, durchforstete Zeitungen und Archive, traf über Jahre frühere wie gegenwärtige Hausbewohner, fand Überlebende in Tel Aviv, New York, Melbourne und an verschiedenen Orten Frankreichs. Sie bilden den Kern dieser außergewöhnlichen Erzählung, die von 1850 über die Pariser Kommune, den Ersten und Zweiten Weltkrieg bis zu den Attentaten 2015 reicht. Ruth Zylberman ist der Ausdruck der „Erinnerungsarbeit“ verhasst – eher glaubt sie an eine unsichtbare Verbindung zu jenen, die uns vorausgegangen sind, und jenen, die uns nachfolgen werden: Eine Form der Nachbarschaft, wie sie in dieser Autobiografie eines Mietshauses, das zum kollektiven Gedächtnis seiner Bewohner wird, deutlich zutage tritt.
Die deutsche Übersetzung von Patricia Klobusiczky und Ela zum Winkel erschien 2025 im Schöffling Verlag. Bei der Frankfurter Lesung führt Ela zum Winkel durch den Abend und dolmetscht aus dem Französischen.
Ruth Zylberman, geboren 1971 in Paris, studierte Geschichte an der Sciences Po und an der New York University. Ihr Werk umfasst zahlreiche Dokumentarfilme, darunter der 2018 von Arte koproduzierte Film Les enfants du 209 rue Saint-Maur, Paris Xe und zuletzt Splendeurs et misères de la Maison Camondo, in dem sie sich im Pariser Musée Nissim de Camondo auf die Spuren der ursprünglich aus Spanien vertriebenen Familie begab. 2015 erschien ihr erster Roman La Direction de l’absent (Ed. Christian Bourgois), 2020 folgte 209 rue Saint-Maur, Paris Xe. Autobiographie d’un immeuble (Ed. Du Seuil / Arte Éditions).
Ela zum Winkel studierte Darstellende Kunst und Translationswissenschaft in Paris und Wien. Sie ist als Literaturübersetzerin, Dolmetscherin und in wechselnden Konstellationen am Theater tätig. Für ihre Übertragungen aus dem Französischen wurde sie mehrfach mit Stipendien ausgezeichnet.
11. Mai 2026
19:30 - 20:45
Eintritt:
frei
Zentralbibliothek Frankfurt
Hasengasse
4
60311
Frankfurt am Main
Deutschland